Warum Hitzewellen unsere Stromversorgung gefährden
Bei Kälte an das Thema Stromausfall zu denken, fällt den meisten leicht: Sturm, Schnee, vereiste Leitungen – das leuchtet ein. Dass ausgerechnet ein heißer Sommertag die Stromversorgung ins Schwitzen bringt, ist dagegen weniger bekannt. Dabei setzt eine Hitzewelle das System gleich an mehreren Stellen zugleich unter Druck: bei der Erzeugung, beim Transport und beim Verbrauch. Genau diese Gleichzeitigkeit macht sie interessant – und gelegentlich heikel.
Ich schaue mir in diesem Beitrag an, was da technisch passiert, was wir aus den letzten Sommern gelernt haben und wie ernst die Lage wirklich ist. Vorab: Panik ist nicht angebracht. Aber ein Blick hinter die Kulissen lohnt sich.
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Das Grundproblem: Angebot sinkt, Nachfrage steigt gleichzeitig
Ein Stromnetz muss in jedem Augenblick genau so viel Strom liefern, wie gerade verbraucht wird. Erzeugung und Verbrauch müssen sich die Waage halten. Bei großer Hitze gerät diese Balance von zwei Seiten ins Wanken: Einige Kraftwerke müssen ihre Leistung drosseln, und gleichzeitig schnellt der Verbrauch nach oben, vor allem durch Klimaanlagen und Kühlgeräte. Dazu kommt, dass auch das Netz selbst, also Leitungen und Transformatoren, bei Hitze an Kapazität verliert.
Man kann sich das wie eine Straße vorstellen, auf der ausgerechnet dann mehr Verkehr rollt, wenn wegen der Hitze eine Spur gesperrt werden muss. Es geht meistens gut, aber der Spielraum wird eng.
Kernkraftwerke: Wenn das Kühlwasser zu warm wird
Das bekannteste Beispiel liefert Frankreich, wo rund 70 Prozent des Stroms aus Kernkraft stammen. In den Sommern 2025 und 2026 musste der Betreiber EDF wiederholt Reaktoren drosseln oder ganz abschalten. Betroffen waren unter anderem die Standorte Golfech an der Garonne, Bugey und Saint-Alban an der Rhône sowie Chooz an der Meuse.
Wichtig ist der Grund dafür, denn hier kursieren Missverständnisse: Die Reaktoren müssen nicht aus Sicherheitsgründen vom Netz, und sie sind auch technisch nicht überfordert. Das Problem liegt beim Umweltschutz. Ein Kernkraftwerk wandelt nur etwa 30 bis 35 Prozent der Wärme aus dem Reaktor in Strom um. Der große Rest ist Abwärme, die abgeführt werden muss, überwiegend über Kühlwasser, das aus einem Fluss entnommen und danach erwärmt wieder eingeleitet wird.
Damit die Flüsse und ihre Fischbestände nicht überhitzen, gelten strenge Grenzwerte für die Temperatur des zurückgeleiteten Wassers. Frankreichs Atomaufsicht legt diese Werte für jedes Kraftwerk fest. Ist der Fluss durch die Hitze ohnehin schon warm, bleibt kaum Spielraum und der Betreiber muss die Leistung zurückfahren. Nicht, weil er nicht könnte, sondern weil er nicht darf.
Wie groß der Effekt sein kann, zeigt eine Zahl aus dem Juni 2026: EDF musste die Leistung zeitweise um rund 4,1 Gigawatt senken, das entsprach etwa sieben Prozent der landesweiten Stromnachfrage. Zum Ausgleich sprangen teurere Gaskraftwerke ein, was die Strompreise nach oben trieb.
Ein landesweiter Versorgungsengpass entstand durch die Drosselung selbst aber nicht, auch wenn es zu dieser Zeit größere Stromausfälle gegeben hat. Dazu später noch mehr. Frankreich blieb während der Hitzewelle durchgehend Netto-Stromexporteur, und der Netzbetreiber RTE bezeichnete die Erzeugungskapazität als ausreichend. Auch die Schweiz war betroffen: Das Kraftwerk Beznau musste zeitweise auf halbe Leistung gehen.
Ein Detail zeigt den Zielkonflikt besonders gut: Für das Kraftwerk Bugey erteilte das französische Wirtschaftsministerium eine befristete Ausnahme von den Temperaturgrenzwerten – ausdrücklich, um die Stabilität des Stromnetzes zu sichern. Umweltschutz und Versorgungssicherheit standen sich hier direkt gegenüber.
Nicht nur Atomkraft: Thermische Kraftwerke allgemein
Der Kühlwasser-Effekt betrifft nicht nur Kernkraftwerke. Jedes Kraftwerk, das Wasser aus einem Fluss zur Kühlung nutzt, also auch Kohle- und Gaskraftwerke, kann bei zu warmem oder zu wenig Flusswasser in dieselbe Klemme geraten.
Anlagen mit Kühltürmen sind zwar unempfindlicher gegenüber warmem Wasser, brauchen aber viel davon. Fällt in einer langen Trockenperiode der Pegel, wird auch das zum Problem. Fachleute rechnen damit, dass solche hitzebedingten Einschränkungen mit häufigeren Hitzewellen künftig öfter auftreten.
Das Netz: Leitungen hängen bei Hitze durch
Ein zweiter, weniger bekannter Effekt betrifft die Stromleitungen selbst. Freileitungen geben ihre Betriebswärme an die Umgebungsluft ab. Ist die Luft heiß, funktioniert diese Kühlung schlechter, die Seile werden wärmer und dehnen sich aus. Die Folge: Die Leitung hängt stärker durch.
Das ist keine Kleinigkeit. Der vorgeschriebene Mindestabstand zum Boden oder zur Vegetation begrenzt, wie viel Strom eine Leitung überhaupt transportieren darf. Wird ein Seil zu heiß und hängt zu tief, drohen Überschläge auf Bäume – mit dem Risiko von Kurzschluss, Abschaltung oder sogar Bränden. Gerade in dem Moment, in dem die Klimaanlagen am meisten Strom aus dem Netz beziehen wollen, kann die Hitze also die transportierbare Menge verringern.
Die Netzbetreiber sind sich dessen bewusst und steuern gegen: mit temperaturabhängiger Überwachung der Leitungen (dem sogenannten Freileitungs-Monitoring) und bei neueren Leitungen mit modernen Hochtemperatur-Seilen, die sich weniger stark ausdehnen. Das entschärft das Problem, hebt es aber nicht auf.
Transformatoren und Kabel unter Dauerlast
Auch die Betriebsmittel im Netz leiden unter Dauerhitze. Transformatoren arbeiten bei hohen Temperaturen weniger effizient. Läuft ein Trafo unter Volllast, während zusätzlich die Umgebung glüht, kann er überhitzen. Das setzt der Isolierung zu und beschleunigt deren Alterung. Im schlimmsten Fall bis zum Ausfall. Erschwerend kommt hinzu, dass ein Teil der Netzinfrastruktur, gerade in gewachsenen Stadtgebieten, schon älter ist und nicht für eine wochenlange Belastung an der Obergrenze ausgelegt wurde. Bei erdverlegten Kabeln staut sich die Wärme im aufgeheizten Boden zusätzlich.
Wie real das ist, zeigte dieselbe Hitzewelle im Juni 2026: Im nordwestfranzösischen Département Finistère fiel nach einem hitzebedingten Defekt an einem Transformator bei Quimper zeitweise für bis zu 120.000 Haushalte der Strom aus. Nicht, weil zu wenig Strom im Netz gewesen wäre, sondern weil ein Betriebsmittel bei rund 40 Grad Außentemperatur seinen Dienst quittierte. Genau das ist die Unterscheidung, auf die es ankommt: In der Erzeugung hatte Frankreich in diesen Tagen genug Reserven, verwundbar war das Netz an den heißen Betriebsmitteln vor Ort.
Ausrüstung für den Hitze-Blackout
Das Gute an einer Hitzewelle: Wenn das Netz schwächelt, liefert die Sonne am meisten. Damit lässt sich ein Ausfall solar überbrücken – anders als im Winter.
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Die Nachfrageseite: Klimaanlagen als Lastspitze
Während die Angebotsseite schwächelt, zieht der Verbrauch kräftig an. An den heißesten Tagen der europäischen Hitzewelle 2026 stieg der tägliche Stromverbrauch um bis zu 14 Prozent, und die durchschnittlichen Börsenpreise für Strom verdoppelten oder verdreifachten sich zeitweise.
Besonders knifflig ist das Timing. Der Verbrauch durch Klimageräte erreicht seinen Höhepunkt am späten Nachmittag und Abend. Also genau dann, wenn die Sonne tiefer steht und die Solaranlagen weniger liefern. Die Spitze der Nachfrage und das Nachlassen der Solarerzeugung fallen zusammen.
Solarstrom: Bei Hitze weniger Ertrag als gedacht
Das führt zu einem Punkt, der viele überrascht: Solaranlagen liefern bei praller Hitze nicht ihre Bestleistung. Zwar brauchen sie Sonnenlicht, doch je heißer die Module werden, desto schlechter ist ihr Wirkungsgrad. Pro Grad über der Idealtemperatur sinkt die Leistung bei üblichen Silizium-Modulen um etwa 0,35 bis 0,45 Prozent.
An einem sehr heißen Tag, an dem sich die Module deutlich über 60 Grad aufheizen, kann das in Summe 15 bis 20 Prozent weniger Ertrag bedeuten, als unter Idealbedingungen möglich wäre. Auch die Wechselrichter verlieren bei Hitze an Effizienz.
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Solarstrom bleibt gerade im Sommer eine tragende Säule. In der Hitzewelle 2026 lieferte Photovoltaik in Deutschland an Spitzentagen bis zu 50 Gigawatt und deckte damit zeitweise ein Drittel bis knapp 40 Prozent der Stromerzeugung. Zusammen mit Batterie- und Pumpspeichern hielt das die Versorgung stabil. Der Hitze-Effekt schmälert also den Ertrag, stellt die Solarenergie aber nicht infrage.
Was in der Praxis passiert ist
Dass es nicht nur um Theorie geht, zeigte der Sommer 2025 in Italien. Ende Juni/Anfang Juli fiel in mehreren Städten der Strom aus, darunter Florenz, der Großraum Mailand und Bergamo. In Florenz funktionierten Geldautomaten und Rolltreppen nicht mehr, Geschäfte nahmen nur noch Bargeld an oder schlossen ganz. In Bergamo fielen Ampeln aus, und Menschen saßen in Aufzügen fest.
Der Energieversorger nannte als wahrscheinliche Ursache die Kombination aus überhitzten, sich ausdehnenden Stromkabeln und dem hohen Verbrauch durch unzählige rund um die Uhr laufende Klimaanlagen. Ein Lehrstück dafür, wie Netzüberlastung und Kabelhitze zusammenwirken – meist in dicht bebauten Städten, wo die Last am höchsten ist.
Wie kritisch ist das wirklich?
An dieser Stelle die nüchterne Einordnung: Das eng vermaschte kontinentaleuropäische Verbundnetz hat die Hitzewellen der letzten Jahre bewältigt, ohne flächendeckend zusammenzubrechen. Es verfügt über Reserven, über die Möglichkeit, Strom zwischen Ländern auszutauschen, und zunehmend über Speicher. Regionale, zeitlich begrenzte Ausfälle gab es aber sehr wohl – und dass ein hitzebedingter Ausfall auch großflächig werden kann, ist kein bloßes Gedankenspiel.
Das eindrücklichste Beispiel lieferte der Balkan: Am 21. Juni 2024 fiel bei rund 40 Grad in weiten Teilen Montenegros, Bosnien-Herzegowinas, Albaniens und entlang der kroatischen Adriaküste gleichzeitig der Strom aus.
In Sarajevo und Split legten ausgefallene Ampeln den Verkehr lahm, in Podgorica versagte zeitweise sogar die Wasserversorgung, weil die Pumpen stillstanden – und das mitten in der touristischen Hochsaison. Als Ursache nannten die Netzbetreiber die Kombination aus sprunghaft gestiegenem Verbrauch durch Klimaanlagen und der Hitze selbst, die das System überlastete; die eng gekoppelten Netze der Region gaben die Störung über die Grenzen hinweg weiter. Der Strom war zwar nach einigen Stunden weitgehend zurück, doch der Vorfall zeigte, wie schnell aus lokaler Überlastung ein länderübergreifender Blackout werden kann.
Ehrlich ist aber auch: Diese Stabilität wird teurer erkauft, und die Belastung nimmt zu. Hitzewellen treten häufiger und intensiver auf. Je öfter mehrere Effekte gleichzeitig auftreten – gedrosselte Kraftwerke, ein an der Kapazitätsgrenze arbeitendes Netz und Rekordverbrauch –, desto schmaler wird der Puffer.
In einem so robusten und gut vernetzten Netz wie dem mitteleuropäischen ist ein tagelanger, großflächiger Blackout allein wegen Hitze vielleicht weiterhin unwahrscheinlich. Aber der Balkan führt vor Augen, dass „unwahrscheinlich“ nicht „unmöglich“ heißt – gerade dort, wo Netze schwächer ausgebaut oder besonders stark belastet sind. Ein Grund mehr, sich nicht darauf zu verlassen, dass schon nichts passieren wird.
Was heißt das für dich?
Für die eigene Vorsorge ändert sich durch das Thema Hitze nichts Grundsätzliches, aber es verschiebt den Fokus. Wer bisher vor allem an winterliche Ausfälle gedacht hat, sollte den Sommer mitdenken. Ein hitzebedingter Ausfall trifft einen unter anderen Vorzeichen: Nicht Heizen ist dann das Problem, sondern Kühlung, Trinkwasser und der Schutz vor der Hitze selbst.
Konkret heißt das: An heißen Tagen sind Vorräte an Trinkwasser besonders wichtig, weil ein Ausfall auch die Wasserversorgung treffen kann.
Ein batteriebetriebenes oder solarbetriebenes Notradio hält dich auf dem Laufenden, wenn Router und Handynetz ausfallen. Und eine geladene Powerstation hilft, zumindest einen kleinen Ventilator, das Handy oder die Kühlung von Medikamenten für eine Weile zu überbrücken oder sogar den Kühlschrank weiter zu betreiben.
Wer diese Basics ohnehin für den Winter parat hat, ist auch im Sommer gut aufgestellt. Man sollte nur daran denken, die Geräte rechtzeitig geladen und einsatzbereit zu halten.
Die gute Nachricht bleibt: Das Netz ist robuster, als die Schlagzeilen es manchmal vermuten lassen. Ein Grund, sich unvorbereitet erwischen zu lassen, ist das aber nicht.
Ausrüstung für den Hitze-Blackout
Das Gute an einer Hitzewelle: Wenn das Netz schwächelt, liefert die Sonne am meisten. Damit lässt sich ein Ausfall solar überbrücken – anders als im Winter.
Powerstation + Solarpanel
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Bewegt die Luft im Raum, auch wenn der Strom weg ist – ganz ohne Steckdose.
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Hält Vorräte und Getränke kalt, wenn der Kühlschrank ausfällt – versorgt über die Powerstation.
für 12 V-/Netz-Betrieb
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Quellen
- Euronews: Frankreich schaltet Atomreaktoren wegen Hitze ab (25.06.2026) – Link
- ZDFheute: Atomkraft und Hitze: Warum Kühlwasser von Kernkraftwerken Fischen gefährlich werden kann (24.06.2026) – Link
- Berliner Zeitung: Extreme Hitze zwingt Frankreich zur Abschaltung mehrerer Atomreaktoren (07/2026) – Link
- oekonews.at: Hitzewelle bremst Frankreichs Atomkraftwerke aus (07/2026) – Link
- Euronews: Europäische Hitzewelle belastet Stromnetz: am stärksten gefährdete Länder (23.06.2026) – Link
- ingenieur.de: Stromnetze in Europa stöhnen unter Hitzewelle (02.07.2025) – Link
- Wikipedia: Freileitungs-Monitoring – Link
- Energie-Lexikon: Hochspannungsleitung, Freileitung, Erdkabel, Seekabel – Link
- Bundesnetzagentur / Netzausbau: Freileitungen (HTLS-Seile) – Link
- photovoltaik.info: Hitze & Photovoltaik: Warum Ihre PV-Anlage Leistung verliert – Link
- agrarheute.com: Warum Solarmodule bei Hitze weniger Strom produzieren – Link
- SRF: Stromausfall in mehreren Städten Italiens (01.07.2025) – Link
- Blick: Blackout in mehreren italienischen Städten (01.07.2025) – Link
- Berliner Zeitung: Hitzewelle in Europa: Frankreich meldet Stromausfälle (24.06.2026) – Link
- NZZ: Hitzewelle: Frankreichs AKW liefern – Deutschlands Windräder schwächeln (07/2026) – Link
- ORF: Wegen Hitze: Weiträumiger Stromausfall auf dem Balkan (21.06.2024) – Link
- ZDF: Extreme Hitze: Stromausfall von Kroatien bis Albanien (21.06.2024) – Link
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